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Hormonelle Verhütung & ADHS: Wenn die Pille aufs Gemüt schlägt

Warum dieses Thema wichtig ist


Viele Frauen mit ADHS berichten, dass sie hormonelle Verhütung schlecht vertragen: Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit oder depressive Phasen nach Beginn der Pille sind keine Seltenheit. Doch lange war unklar, ob diese Erfahrungen Zufall sind oder ob tatsächlich ein biologischer Zusammenhang besteht.


Eine groß angelegte schwedische Studie liefert nun klare Hinweise: Frauen mit ADHS scheinen empfindlicher auf hormonelle Schwankungen zu reagieren, insbesondere bei der Einnahme oraler Verhütungsmittel.


Die Studie im Überblick


Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry (2023).Das Forschungsteam um Cecilia Lundin, Anna Wikman und Charlotte Skoglund analysierte Daten von über 790.000 jungen Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren aus schwedischen Gesundheitsregistern. Darunter waren rund 30.000 Frauen mit einer ADHS-Diagnose.


Ziel der Studie: Zu prüfen, ob hormonelle Verhütungsmittel (Pille, Spirale, Pflaster, etc.) das Risiko für Depressionen bei Frauen mit ADHS erhöhen.


Die wichtigsten Ergebnisse


Die Ergebnisse waren eindeutig und teilweise alarmierend:


  • Frauen mit ADHS hatten ein 3,7-fach höheres Risiko, eine Depression zu entwickeln, unabhängig von der Verhütung.

  • Unter oraler hormoneller Verhütung (also der klassischen Pille) stieg das Risiko jedoch auf das 5- bis 6-Fache im Vergleich zu Frauen ohne ADHS.

  • Bei nicht-oralen Methoden wie der Hormonspirale oder dem Implantat zeigte sich kein zusätzliches Risiko für Depressionen.


Kurz gesagt: 


  • Orale Hormonpräparate wirken bei Frauen mit ADHS häufiger negativ auf die Stimmung.

  • Langzeitmethoden wie Spirale oder Implantat scheinen stabiler und verträglicher zu sein.


Warum reagieren ADHS-Gehirne empfindlicher?


Die Forschenden vermuten, dass Frauen mit ADHS hormonelle Veränderungen anders verarbeiten und dass Schwankungen im Hormonspiegel stärkere Effekte auf Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin haben.

Dazu kommen weitere Faktoren:


  • Fluktuationen durch tägliche Einnahme & Pillenpause

  • Vergessene Einnahme → hormonelle Achterbahn

  • Stress & emotionale Dysregulation, die ohnehin typisch für ADHS sind

  • Körperliche Nebenwirkungen (z. B. Zwischenblutungen, PMS-artige Symptome), die psychisch belasten können


All das kann die Stimmung destabilisieren, besonders bei einem Nervensystem, das ohnehin empfindlicher auf Reize reagiert. Eine Eindeutige Antwort gibt es derzeit aber nicht, auf die Frage nach dem warum.


Was bedeutet das für die Praxis?


Die Autor:innen fordern, dass psychische Nebenwirkungen in der Verhütungsberatung stärker berücksichtigt werden müssen, insbesondere bei ADHS. Das heißt:


  • Ärzt:innen sollten ADHS aktiv erfragen, bevor sie hormonelle Verhütung verschreiben.

  • Frauen mit ADHS sollten über mögliche stimmungsrelevante Effekte aufgeklärt werden.

  • Nicht-orale, lang wirkende Verhütungsmethoden (z. B. Hormonspirale oder Implantat) sollten häufiger als sichere und psychisch stabilere Alternativen angeboten werden.


Was du für dich mitnehmen kannst


Wenn du A(u)DHS hast und das Gefühl kennst, „unter der Pille nicht mehr du selbst zu sein“, dann bist du nicht allein, und du bildest es dir nicht ein. Dein Gehirn reagiert einfach anders auf hormonelle Veränderungen.

Sprich offen mit deiner Gynäkologin oder deinem Gynäkologen über:


  • deine psychische Verfassung,

  • frühere Erfahrungen mit Verhütungsmitteln

  • und Alternativen wie Spirale oder Implantat.


Es geht nicht um „sensibel sein“ oder "kompliziert", sondern deine Realität. Und du darfst informierte Entscheidungen über deinen Körper treffen.


Fazit


Ich habe diese Studie gelesen und musste mehrmals schlucken. Weil sie etwas ausspricht, was so viele von uns längst spüren: Dass hormonelle Verhütung für Frauen mit A(u)DHS nicht einfach nur eine Pille am Morgen ist. Sondern ein Eingriff in ein ohnehin empfindliches, fein austariertes System.


Ich selbst gehöre zu den Frauen, die unter der Pille gelitten haben. Und ich erinnere mich nur zu gut, wie mich zig Ärzte nicht ernst genommen haben, weil „die Pille ja so gut erforscht“ sei.


Diese Studie zeigt: Es gibt biologische Gründe, warum A(u)DHS-Gehirne auf Hormone anders reagieren. Und sie erinnert uns daran, dass medizinische Entscheidungen immer auch emotionale und neurobiologische Realitäten berühren.


Wenn du A(u)DHS hast, dann darfst du dich fragen: Wie fühlt sich mein Körper an, meine Stimmung, mein Zyklus, mein Ich? Mehr Verständnis. Mehr Stabilität. Mehr du.



Quelle


Lundin, C., Wikman, A., Wikman, P., Kopp Kallner, H., Sundström-Poromaa, I., & Skoglund, C. (2023). Hormonal contraceptive use and risk of depression among young women with attention-deficit/hyperactivity disorder.Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 62(6), 665–674.

 
 
 

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