Neurodivergenz im Vereinssport – Wie kann das funktionieren?
- Belinda Mehlhase
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen

Neurodiversität. Ein Begriff, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Er beschreibt die Vielfalt neurologischer Funktionsweisen und Verhaltensmuster. Innerhalb dieses Spektrums unterscheidet man zwischen „neurotypisch“ und „neurodivergent“. Zu Letzteren zählen Menschen, deren Gehirn anders arbeitet, als es gesellschaftliche Normen vorsehen, beispielsweise Menschen mit ADHS, Autismus, Legasthenie oder Dyskalkulie. Welche Bedingungen genau dazugehören, variiert je nach Quelle.
In den letzten Jahren sind die Diagnosen in diesen Bereichen stark angestiegen. Nicht, weil Kinder „verweichlicht“ wären oder zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Sondern, weil das Bewusstsein, die diagnostischen Möglichkeiten und das Wissen gestiegen sind.
Oft gelten neurodivergente Personen als „Herausforderung“. Sie „ticken anders“ und das passt selten zu einem System, das auf Einheitlichkeit ausgelegt ist. Genau hier beginnt das Thema Neuroinklusion: Wie kann man Strukturen schaffen, in denen alle Kinder Sport treiben können?
Praxisbeispiel: Kinderleichtathletik mit Vielfalt

Ich trainiere seit mehreren Jahren Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Mit etwa 10 bis 20 % neurodivergenter Kinder in der Gruppe erfüllen wir laut internationalen Studien den „Normbereich“. Spannend zu Wissen ist, dass man davon ausgeht, dass 40-60% der Elite-Sportler neurodivergent sind, daher ist es auch so wichtig, die Bedürfnisse dieser Menschen zu berücksichtigen (der größte Teil ohne Diagnose!).
Unser Ziel: Kein Kind wird abgewiesen, weil es „nicht ins System passt“. Ein Kind, das auffällt, ist nicht das Problem, sondern eine Struktur, die es nicht auffängt. Forschungen bestätigen: Anpassungsfähige Strukturen erhöhen nicht nur Teilhabe, sondern auch Motivation und Wohlbefinden.
Unsere 8 Grundprinzipien
Kleingruppen & Helfer:innen
Mehrere Trainer:innen und jugendliche „Helferchen“ unterstützen kleinere Gruppen. Dieses Mentorenmodell stärkt Lernprozesse, soziale Bindung und Selbstwirksamkeit, entscheidende Faktoren für alle Kinder.
Buddy-System
Neue Kinder erhalten Buddies, die Orientierung bieten. Studien zeigen, dass Peer-Unterstützung Barrieren reduziert und Teilhabe fördert.
Akzeptanz & individuelle Anpassung
Kinder kommen nach langen Schultagen. Erwartung von 90 Minuten Konzentration ist unrealistisch. Statt Druck helfen Bewegungspausen, strukturierte Aufgaben und Empathie. Stärken fördern, statt Schwächen immer wieder hervorzuheben.
Rituale & Check-Ins
Gemeinsame Rituale, etwa kurze Atemübungen oder „Energiechecks“, fördern Körperwahrnehmung und Emotionsregulation.
Kommunikation mit Eltern und Kindern
Eltern sind Expert:innen für ihr Kind. Eine offene Kommunikation schafft Vertrauen und ermöglicht individualisierte Unterstützung.
Rückzugsräume schaffen
Ein stiller Ort, etwa eine kleine „Höhle“ aus Matten oder Fidget-Box, kann Reizüberflutung vorbeugen. Sensorische Pausen steigern Lernfähigkeit.
Selbstwirksamkeit fördern
Kinder brauchen Kontrolle und Mitgestaltungsmöglichkeiten. „Du darfst“ statt „Du musst“. Eine Sprache, die Sicherheit schafft.
Wissen um Neurodivergenz
Trainer:innen sollten Grundwissen über Neurodiversität haben, nicht nur über Diagnosen, sondern über Wahrnehmung, Reizverarbeitung und Kommunikation. Fortbildungen, z. B. über DOSB oder lokale Sportverbände, sind ein Schlüssel zu echter Inklusion.
Studien in dem Bereich gibt es kaum. Aber was wir wissen: Sport ist wichtig für neurodivergente Kinder. Eine Studie aus 2021 hat sechs Hauptthemen zum Coaching autistischer Athlet: innen festgestellt:

1. Die Coach-Athlet-Beziehung (Coach-Athlete Relationship): Diese Beziehung wird als grundlegend für die Förderung der Teilnahme angesehen. Der Fokus liegt darauf, den jungen Menschen auf individueller Basis kennenzulernen, eine Vertrauensbasis aufzubauen und eine seelsorgerische Komponente (Pastoral Care) zu integrieren, bei der Trainer auch als Mentoren für Lebenskompetenzen fungieren.
2. Verstehen (Understanding your autistic athlete): Trainer müssen sowohl die besonderen Stärken (wie außergewöhnlicher Fokus, Entschlossenheit und Präzision) als auch die spezifischen Herausforderungen (wie Kommunikationsunterschiede oder motorische Defizite) ihrer Athleten begreifen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, keine pauschalen Annahmen zu treffen, da jeder autistische Mensch sehr unterschiedlich ist.
3. Coaching-Strategien (Coaching strategies): Dieses Thema umfasst praktische Methoden zur Gestaltung des Trainings. Dazu gehören eine klare Kommunikation (kurze Anweisungen, visuelle Hilfsmittel), eine feste Struktur und Routine innerhalb der Einheiten sowie die Berücksichtigung von Umweltfaktoren, insbesondere sensorischen Empfindlichkeiten gegenüber Lärm oder Licht.
4. Verhaltensunterstützung (Behavioural Support): Anstatt rein disziplinarischer Maßnahmen betont die Studie positive Ansätze. Wichtige Unterpunkte sind die positive Verstärkung, die konsequente Einhaltung von Regeln und ein strategisches Vorgehen bei Korrekturen (z. B. Feedback im Vier-Augen-Gespräch, um den Athleten nicht bloßzustellen).
5. Vorteile der Teilnahme (Benefits of Participation): Sport wird als Medium für weit mehr als nur körperliche Fitness gesehen. Die Studie hebt die persönliche Entwicklung, die Verbesserung sozialer Kompetenzen, den Aufbau von Freundschaften und das Erleben von Erfolg und Selbstvertrauen hervor.
6. Trainerausbildung und Kontext (Coach Education and Context): Dieses Thema beleuchtet das Umfeld, in dem Coaching stattfindet. Es thematisiert die Debatte zwischen inklusiven versus spezialisierten Sportgruppen und stellt fest, dass es einen erheblichen Mangel an formalen, autismus-spezifischen Ressourcen gibt, weshalb Trainer oft auf "Trial and Error" oder informelles Wissen angewiesen sind
Fazit:
Inklusion beginnt mit Haltung. Neurodivergenz ist keine Ausnahme, sondern Teil der Normalität. Wenn Strukturen flexibel sind, profitieren alle Kinder, neurodivergent oder nicht. Wie Studien und Praxiserfahrungen zeigen, stärkt Sport Selbstvertrauen, Motorik und Wohlbefinden. Besonders dann, wenn er Raum für Unterschiedlichkeit bietet.
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