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Menstruation bei Autismus: 3 zentrale Erkenntnisse einer neuen Studie

Menstruation bei Autismus – wenn ein natürlicher Zyklus zur monatlichen Krise wird


Für viele, aber nicht alle, menstruierende Autist:innen ist die Menstruation weit mehr als ein körperlicher Prozess. Sie kann zu einer wiederkehrenden Ausnahmesituation werden, die den gesamten Alltag lahmlegt. Neben Schmerzen kommen sensorische Überlastung, emotionale Instabilität, Angstzustände und das Gefühl hinzu, mit diesen Erfahrungen allein zu sein.

Eine aktuelle qualitative Studie der University of Cumbria (Bowden & Miller, 2025) beleuchtet, wie die Menstruation bei Autismus das Leben erwachsener Betroffener beeinflusst, aus einer alltagsbezogenen Perspektive. Die Ergebnisse sind deutlich, beunruhigend und längst überfällig. Für die Studie wurden sechs qualitative Interviews mit Autistinnen in Großbritannien geführt.


Warum Menstruation bei Autismus besonders belastend ist


Körperliche Beschwerden sind nur die Spitze des Eisbergs


Schon länger ist bekannt, dass autistische Frauen und andere menstruierende Autist:innen häufiger unter starken Menstruationsschmerzen, PMS und hormonellen Schwankungen leiden. Doch diese medizinischen Fakten greifen zu kurz. Die Studie zeigt deutlich: Menstruation bei Autismus betrifft nicht nur den Körper, sie beeinflusst Wahrnehmung, Denken, Emotionen und Handlungsfähigkeit gleichzeitig.


Frühere Studien und die aktuelle Arbeit von Bowden & Miller zeigen, dass sensorische Reize während der Menstruation häufig intensiver wahrgenommen werden und schnell zu Überforderung führen können.

Geräusche, Gerüche, Berührungen und innere Körperempfindungen können dann schnell überwältigend werden. Während der Menstruation potenzieren sich diese Reize und führen zu einem Zustand permanenter Überforderung.


Die Studie im Überblick


Forschungsansatz und Teilnehmende


Bowden und Miller führten qualitative Interviews mit autistischen Erwachsenen durch, die menstruieren. Der Fokus lag auf einer occupational perspective, also darauf, wie Menstruation alltägliche Betätigungen beeinflusst, insbesondere:


  • Selbstfürsorge

  • Produktivität (Arbeit, Studium, Haushalt)

  • Freizeit und soziale Teilhabe


Die Ergebnisse zeigen, dass Menstruation bei Autismus alle drei Bereiche massiv einschränkt, oft gleichzeitig.


Zentrale Erkenntnis 1: Der Verlust des Selbstgefühls


Alle Teilnehmerinnen beschrieben, dass sich ihr Selbstempfinden während der Menstruation grundlegend verändert.

„Wenn du bereits extrem sensibel bist, einfach durch dein Autistisch-Sein, dann ist das ein völlig neues emotionales Level.“– Becky

Dieses veränderte Selbstgefühl entsteht durch die Kombination aus sensorischer Überlastung, Angst und dem Vergleich mit neurotypischen Personen, ein zentraler Aspekt des Themas ‚Sense of self‘ in der Studie.


Sensorische Überlastung im Zyklus


Hygieneprodukte, feuchte Kleidung, Blutgeruch oder Druck im Unterleib werden zu kaum erträglichen Reizen. Eine Teilnehmerin beschrieb den Wechsel einer Binde mit Symptomen wie:


  • Panik

  • Herzrasen

  • Schwitzen

  • Atemnot


Für Außenstehende wirkt das übertrieben, für Betroffene ist es neurologische Realität.


Exekutive Dysfunktion und „Brain Fog“


Während der Menstruation verschlechtern sich exekutive Funktionen drastisch. Planung, Entscheidungsfindung und Handlungsbeginn werden zur Hürde.

„Die exekutive Dysfunktion setzt viel früher ein – bei Dingen, die sonst kein Problem wären.“– Claire

Kochen, Termine wahrnehmen oder E-Mails beantworten kann plötzlich unmöglich erscheinen.


Hygiene als tägliches Dilemma


Einige Teilnehmerinnen reagierten mit zwanghaftem Duschen, andere vermieden Körperpflege, weil die sensorische Erfahrung unerträglich war. Beides führte zu zusätzlichem Stress, Scham und Erschöpfung.


Zentrale Erkenntnis 2: Der Zwang zur Erklärung


Autistische Menschen brauchen Vorhersagbarkeit. Menstruation ist jedoch unregelmäßig, hormonell komplex und kaum kontrollierbar.


Zyklustracking als Selbstschutz


Die meisten Teilnehmerinnen dokumentierten ihren Zyklus, mit Apps oder analog, als Strategie zur Selbstregulation.

„Dann weiß ich: Es ist der Eisprung. Ich muss nicht denken, dass ich wieder psychisch abstürze.“– Fran

Doch selbst kleinste Abweichungen vom erwarteten Zyklus lösten neue Ängste aus.


Zentrale Erkenntnis 3: Der Kampf um Kontrolle


Hormonelle Verhütung als Bewältigungsstrategie


Vier der sechs Teilnehmerinnen nutzten hormonelle Verhütung, meist schon seit der Jugend. Alle beschrieben dies als hoch wirksam und entlastend.

„Meine Periode zu stoppen war das Beste, was ich je getan habe.“– Claire

Erschreckend: Keine einzige Person erhielt professionelle Unterstützung, die autismus-spezifische Aspekte berücksichtigte.


Medizinische Diskriminierung und Unsichtbarkeit


Mehrere Teilnehmerinnen berichteten, dass medizinisches Fachpersonal ihre Beschwerden abwertete:


  • „Sie reagieren überempfindlich, weil Sie Autistin sind.“

  • „Das ist normal, da müssen Sie durch.“


„Wir werden als übertreibend abgetan. Aber es ist wirklich so schlimm.“– Elle

Diese Erfahrungen führen zu Misstrauen, Vermeidung medizinischer Hilfe und weiterer Isolation.


Konkrete Auswirkungen auf Alltag und Teilhabe


Die Folgen von Menstruation bei Autismus sind tiefgreifend:


  • Soziale Isolation: Vermeidung öffentlicher Orte aus Angst vor Toilettensituationen

  • Berufliche Einschränkungen: Fehlzeiten, Leistungseinbrüche, Karrierehemmnisse

  • Eingeschränkte Lebensqualität: Absage von Freizeitaktivitäten und Rückzug


Was sich dringend ändern muss


Die Studie macht klar: Allgemeine Ratschläge reichen nicht aus.


Konkrete Empfehlungen


  • Autismus-sensible Aufklärung: Fokus auf sensorische Aspekte von Menstruation

  • Ergotherapie einbeziehen: Individuelle Strategien für Alltag und Selbstfürsorge

  • Medizinisches Personal schulen: Verständnis für neurodivergente Körperwahrnehmung

  • Hormonelle Optionen offen besprechen: Einige Teilnehmerinnen berichteten, dass die Möglichkeit, den Zyklus hormonell zu regulieren, hilfreich war, hier sollten Fachkräfte offen informieren und individuell beraten.

  • Barrierefreiheit verbessern: Öffentliche Toiletten, klare Informationen, Rückzugsräume


Häufig gestellte Fragen (FAQ)


Warum ist Menstruation bei Autismus so belastend?

Weil hormonelle Veränderungen sensorische Empfindlichkeiten, Emotionen und exekutive Funktionen gleichzeitig verstärken.

Sind starke Schmerzen bei Autist:innen häufiger?

Ja, Studien zeigen eine höhere Prävalenz von Dysmenorrhoe und PMS.

Hilft Zyklustracking wirklich?

Es kann helfen, Symptome einzuordnen, ersetzt aber keine strukturelle Unterstützung.

Ist es legitim, die Periode hormonell zu stoppen?

Ja. Besonders bei starker Belastung sollte diese Option offen besprochen werden. Wichtig ist es, hier auf die Verträglichkeit zu achten. Einige neurodivergente Menschen leiden unter psychischen Beschwerden durch die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel. (Lundin et al., 2023)

Warum fühlen sich viele nicht ernst genommen?

Weil medizinisches Wissen über Autismus bei menstruierenden Erwachsenen oft fehlt.

Was können Angehörige tun?

Zuhören, Routinen anpassen, Reizreduktion ermöglichen und Unterstützung anbieten.


Fazit: Eine dreifach verborgene Herausforderung


Die Forscherinnen sprechen von einer „hidden times three“-Situation:

Menstruation ist tabuisiert. Autismus, besonders bei Frauen, wird oft übersehen. Und viele Betroffene erhalten spät oder nie eine Diagnose.


Menstruation bei Autismus ist keine Übertreibung, kein persönliches Versagen und kein Randthema. Sie ist eine reale, wiederkehrende Einschränkung, die endlich ernst genommen werden muss.

Nicht mit Mitleid, sondern mit Wissen, Respekt und evidenzba

sierten Lösungen.



Quelle:

Bowden, S. L. J. & Miller, P. K. (2025). Menstruation among autistic adults: An occupational perspective. British Journal of Occupational Therapy, 88(10), 626–634.


Lundin, C., Wikman, A., Wikman, P., Kopp Kallner, H., Sundström-Poromaa, I., & Skoglund, C. (2023). Hormonal contraceptive use and risk of depression among young women with attention-deficit/hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 62(6), 665–674.

 
 
 

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