Sport statt Pillen? Was die Wissenschaft über Bewegung bei ADHS sagt
- Belinda Mehlhase
- vor 4 Tagen
- 7 Min. Lesezeit

Bei ADHS geraten die exekutiven Funktionen, also Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle, leicht aus dem Gleichgewicht. Der präfrontale Cortex, der diese Prozesse steuert, arbeitet oft weniger effizient. Das spüren ADHSler:innen im Alltag: Reize werden schwerer gefiltert, Entscheidungen impulsiver getroffen, Fokus und Planung kosten mehr Energie.
2025 veröffentlichten Singh et al. ein sogenanntes Umbrella Review, die bestehende Meta-Analysen zusammenfasst. In der wissenschaftlichen Hierarchie gilt das als Goldstandard der Evidenz.
Das Ergebnis ist eindeutig: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert
exekutive Funktionen (Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität),
Gedächtnisleistung und Verarbeitungsgeschwindigkeit,
sowie die psychische Gesundheit (u. a. Depression, Angst).
Die Singh-Studie zeigt: Menschen mit ADHS profitieren überdurchschnittlich stark von körperlicher Aktivität. Die Effektstärke (standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD) lag bei 0,72. Das gilt in der Forschung als "großer Effekt".
Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung liegt die Effektstärke von Sport auf kognitive Funktionen zwischen 0,25 und 0,44 (klein bis moderat). ADHS-Gehirne reagieren also fast doppelt so stark auf Bewegung.
Warum? Weil ADHS-Betroffene von einer niedrigeren Basislinie starten. Das Potenzial für Verbesserungen durch gesteigerte zerebrale Durchblutung und Neuroplastizität ist größer.
Der neurobiologische Mechanismus: Sport als natürliches Medikament
Hier wird es richtig spannend. Sport wirkt auf das ADHS-Gehirn über ähnliche Mechanismen wie viele ADHS-Medikamente, nur auf natürlichem Weg.
Dopamin und Noradrenalin
ADHS-Medikamente (Stimulanzien) erhöhen die Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Diese Neurotransmitter sind essentiell für Motivation, Fokus und Impulskontrolle. Sport tut genau das Gleiche:
Während des Trainings steigt die Dopaminproduktion
Nach dem Training bleibt der Spiegel für mehrere Stunden erhöht
Regelmäßige Bewegung erhöht langfristig die Dichte der Dopaminrezeptoren
BDNF: Dünger für deine Nervenzellen

Beim Sport, besonders bei Ausdauerbelastungen, schüttet das Gehirn BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) aus. Dieser Wachstumsfaktor:
Fördert die Bildung neuer Nervenzellen (Neurogenese)
Stärkt bestehende neuronale Verbindungen
Verbessert die synaptische Plastizität (die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen)
Zerebrale Durchblutung
Bewegung erhöht die Durchblutung des Gehirns massiv. Das bedeutet:
Mehr Sauerstoff
Mehr Nährstoffe
Bessere Entsorgung von Stoffwechselabfällen
Die Evidenz für Depression und Angst
Viele ADHS-Betroffene, besonders spätdiagnostizierte Frauen, kämpfen mit komorbiden Erkrankungen. Jahre der Fehldiagnosen, des "Nicht-genug-Seins" und des ständigen Kampfes gegen das eigene Gehirn hinterlassen Spuren.
Die Singh-Studie (2023) liefert hier eindeutige Daten:
Depression
Effektstärke (SMD): -0,45 (moderater Effekt)
Aerobes Training (Ausdauersport) zeigt besonders starke Wirkung
Die Effekte sind vergleichbar mit oder sogar größer als die von Psychotherapie oder Antidepressiva
Angststörungen
Effektstärke (SMD): -0,42 (moderater Effekt)
Mind-Body-Praktiken (Yoga, Tai Chi) zeigen bei Angst etwas stärkere Effekte als reines Ausdauertraining
Auch hier: Wirksamkeit vergleichbar mit etablierten Therapieformen
Besonders relevant für Frauen
Die Studien heben hervor: Schwangere und postpartale Frauen gehören zu den Gruppen, die den größten Nutzen aus körperlicher Aktivität zur Verbesserung von Depressionssymptomen ziehen. Das ist hochrelevant, da ADHS bei Frauen oft erst in dieser Lebensphase diagnostiziert wird, wenn die Anforderungen (Kind, Job, Haushalt) die Kompensationsstrategien überfordern.
Welche Art von Sport? Die Dosis-Wirkung-Beziehung
Nicht jeder Sport wirkt gleich. Die Studienlage gibt klare Hinweise, was wann am besten funktioniert. So hat jede Intensität ihre Wirkung:

Arten der Bewegung
Die Studien verglichen verschiedene Sportarten:
Aerobes Training (Ausdauersport)
Laufen, Radfahren, Schwimmen
Beste Evidenz für Gedächtnis und allgemeine Kognition
Besonders Effektiv bei Depressionen
Mechanismus: BDNF-Ausschüttung, zerebrale Durchblutung
Krafttraining
Effektiv für exekutive Funktionen
Zusätzlicher Vorteil: Verbesserung des Körpergefühls
Gut kombinierbar mit aerobem Training

Koordinativ anspruchsvolle Sportarten
Kampfsport, Tanzen, Klettern, Parcours
Besonders wertvoll für ADHS, da sie das Gehirn zusätzlich zur körperlichen Belastung "zwingen", fokussiert zu bleiben
Trainieren Impulskontrolle in Echtzeit
Mind-Body-Praktiken
Yoga, Tai Chi, Qigong
Stärkster Effekt auf Angstsymptome
Niedriger Einstiegswiderstand
Gut für Menschen, die mit hoher Intensität überfordert sind
Dauer und Häufigkeit
Hier überrascht die Forschung: Mehr ist nicht immer besser.
Die Studien zeigen:
Interventionen unter 3 Monaten waren oft effektiver als sehr langfristige Programme
Grund: bessere Adhärenz (Durchhaltefähigkeit)
Empfehlung: 3x 20 Minuten moderate Bewegung pro Woche sind effektiver als 1x pro Woche bis zur Erschöpfung
Für das ADHS-Gehirn ist das perfekt: Regelmäßigkeit vor Intensität. Kurze, knackige Einheiten, die in den Alltag integrierbar sind, schlagen den heroischen Marathon-Versuch am Wochenende.
AuDHS: Wenn Autismus und ADHS zusammentreffen
Bei etwa 30-70% der Menschen mit ADHS liegt auch eine Form von Autismus vor, oft undiagnostiziert. Diese Kombination (AuDHS) erfordert eine andere Herangehensweise an Sport.
Die doppelte Belastung der exekutiven Funktionen
Bei AuDHS sind die exekutiven Funktionen von zwei Seiten belastet:
ADHS-Anteil:
Schwierigkeiten, anzufangen (Inhibition)
Ablenkbarkeit
Impulsivität
Autismus-Anteil:
Schwierigkeiten mit Aufgabenwechsel (kognitive Flexibilität)
Perfektionismus
Rigides Denken
Die Singh-Studie zeigt, dass Sport die neuronale Plastizität und exekutiven Funktionen verbessert.
Übertragen auf AuDHS lässt sich daraus ableiten, dass Bewegung auch beim Übergängen von Aufgaben und bei sensorischer Regulation helfen kann.
Sensorische Regulation statt reiner Leistung
Für Autist:innen und viele mit AuDHSler:innen steht beim Sport nicht die Ausdauer oder Leistung im Vordergrund, sondern die sensorische Regulation. Statt „mehr, schneller, weiter“ geht es hier um Körperwahrnehmung und Tiefensensibilität (Propriozeption).
Input-Hunger: Viele Autist:innen erleben die Welt als sensorisch chaotisch. Krafttraining oder intensives Dehnen (Yoga) geben dem Gehirn klares Feedback über die Grenzen des eigenen Körpers.
Der Reset-Effekt: Die in der Singh-Studie beschriebene moderate bis hohe Intensität kann für AuDHD-Betroffene wie ein sensorischer Reset wirken. Sport "übertönt" das sensorische Rauschen der Umwelt und beruhigt das Nervensystem.
Die Burnout-Falle
Ein kritischer Punkt, den Meta-Analysen nicht abbilden: Masking.
Viele Autist:innen, besonders Frauen, verbrauchen enorme Energie damit, "normal" zu wirken. Ein Fitnessstudio mit hellem Licht, lauter Musik und vielen Menschen kann zu einem Meltdown oder Shutdown führen.
Die Lösung: Die positiven kognitiven Effekte der Studie lassen sich auch in reizarmen Umgebungen erzielen:
Heimtraining
Draußen Laufen (immer die gleiche Strecke für Sicherheit)
Solo-Sport
Schwimmen in ruhigen Zeiten
Sport darf für autistische Menschen kein "sozialer Zwang" sein, sonst verkehrt sich der positive Effekt ins Gegenteil.
Laufen: Die neurobiologische Wunderwaffe
Laufen verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es zu den am häufigsten untersuchten Interventionen handelt.
Warum Laufen so gut funktioniert

Für ADHS (Der Dopamin-Motor):
Liefert dringend benötigtes Dopamin und Noradrenalin
Reduziert motorische Unruhe ("Hummeln im Hintern")
Powert das System kontrolliert aus
Für Autismus (Der Rhythmus-Anker):
Die repetitive Natur (Schritt-Schritt-Atem-Atem) wirkt wie grobmotorisches Stimming
Beruhigt das Nervensystem durch Vorhersehbarkeit
Sensorische Freude: Fokus auf Rhythmus, Wind, Schwerkraft
Für AuDHS (Die Balance):
Einziges Ventil, um den "ADHS-Lärm" zu dämpfen, ohne den "autistischen Akku" durch soziale Interaktion zu leeren
Der seltene Moment, in dem beide Gehirnhälften "still" sind
Brain-Silence
Praxistipps für verschiedene Profile
ADHS:
Monotonie vermeiden: Trailrunning statt Laufband
Fartlek (Laufspiele): Mal schnell zum nächsten Baum, dann langsam
Gamification nutzen: Apps, Bestzeiten, Challenges
Musik oder Podcasts für zusätzliche Stimulation
Autismus:
Immer die gleiche Strecke (Sicherheit)
Reizarme Umgebung (Wald, Park)
Ohne Musik (Naturgeräusche wahrnehmen)
Feste Routine (jeden Dienstag, 8 Uhr)
Das sensorische Kit: nahtlose Socken, bequeme Kleidung ohne störende Etiketten, Noise-Cancelling-Kopfhörer
AuDHS:
Bekannte Strecke (Sicherheit des autistischen Anteils)
Mit auditiver Stimulation (Podcast über Spezialinteresse)
Body Doubling: mit Freundin laufen, aber ohne Redezwang
Nach Herzfrequenz statt Pace laufen (Körpergrenzen spüren lernen, Burnout-Prävention)
Sport als Schutz vor Autistic Burnout
Die Singh-Studie zeigt, dass Sport Entzündungsprozesse im Gehirn reduziert und die Stressresistenz erhöht. Für AuDHS-Frauen ist das essentiell:
Emotionsregulation: Sport hilft, die oft intensiven autistischen Emotionen zu kanalisieren.
Schlafqualität: Ein Kernproblem bei AuDHD. Die kognitive Verbesserung durch Sport geht oft mit besserem Schlaf einher – ein Gamechanger für die psychische Stabilität.
Selbstwirksamkeit: Die Erfahrung, den eigenen Fokus durch Bewegung steuern zu können, wirkt der "erlernten Hilflosigkeit" entgegen, die viele ADHS-Betroffene durch jahrelange Misserfolge entwickelt haben.
Spätdiagnostizierte Frauen: Die besondere Relevanz
Keine Studie betrachtet ausschließlich das Profil "spätdiagnostizierte Frauen" (Hallo Gender-Health-Gap), aber die Ergebnisse zu ADHS, exekutiven Funktionen und Begleiterkrankungen sind hochrelevant für diese Gruppe.
Warum?
Frauen mit ADHS werden oft erst in den 30ern oder 40ern diagnostiziert. Jahrelang haben sie:
Ihre Symptome maskiert (als "chaotisch", "überemotional" oder "sensibel" abgetan)
Kompensationsstrategien entwickelt, die enorme Energie kosten
Komorbide Depressionen und Angststörungen entwickelt
Ihr Selbstwertgefühl verloren ("Was ist falsch mit mir?")
Bei spätdiagnostizierten Frauen kann Bewegung helfen, die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Steuerung zu verbessern. Sie fördert die Selbstregulation, reduziert Reizüberflutung und unterstützt den präfrontalen Cortex dabei, wieder „Takt zu geben“.
Praktische Empfehlungen: Der 3-Säulen-Ansatz

Basierend auf der Evidenz lässt sich ein klarer Handlungsplan ableiten:
Säule 1: Regelmäßigkeit vor Intensität
Die goldene Regel: 3x20 Minuten moderate Bewegung pro Woche schlagen 1x pro Woche bis zur Erschöpfung.
Säule 2: Vielfalt nutzen
Verschiedene Sportarten für verschiedene Bedürfnisse.
Säule 3: Individualisierung
Jeder von uns ist Individuell und das zeigt sich auch in unseren Bedürfnissen rund um den Sport wieder.
Die Grenzen: Was Sport nicht kann
Bei aller Euphorie über die Studienlage: Sport ist kein Allheilmittel und kein vollständiger Ersatz für andere Interventionen.
Sport ersetzt nicht
Medikamente: Für viele A(u)DHSler:innen ist Medikation notwendig und lebensverändernd. Sport ist ein Synergist, kein Ersatz.
Psychotherapie: Die emotionalen und biografischen Aspekte von A(u)DHS (Scham, Trauma, Selbstwert) brauchen therapeutische Bearbeitung.
Strukturelle Anpassungen: Wenn der Job oder das Umfeld nicht zu deinem Gehirn passen, kann Sport das ausgleichen, aber nicht lösen.
Wann Sport kontraproduktiv wird
Bei Autistic Burnout: Zu viel Druck, Sport "richtig" zu machen, kann ins Burnout treiben
Bei Orthorexie oder Sportsucht: A(u)DHSler:innen neigen zu Extremen
Bei chronischer Erschöpfung: Manchmal braucht der Körper zuerst Ruhe
Die Empfehlung: Sport ist ein Baustein in einem ganzheitlichen Behandlungsansatz. Die Studien nennen ihn einen "mainstay approach", einen Grundpfeiler, nicht die einzige Säule.
Fazit: Sport ist Medizin, aber keine Pille
Die Evidenz ist klar: Regelmäßige Bewegung stärkt genau jene Hirnregionen, die bei ADHS unteraktiviert sind, den präfrontalen Cortex.
Sie verbessert Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Stimmung und Schlaf.
Die Effekte sind zum Teil vergleichbar mit Psychotherapie oder Medikamenten. Aber: Sport ergänzt, er ersetzt sie nicht.
Sport ist keine schnelle Pille, sondern ein Prozess.
Er fordert genau das, was bei ADHS so herausfordernd ist: Dranbleiben, Struktur, Wiederholung.
Doch er schenkt auch genau das, was vielen fehlt: Selbstwirksamkeit.
Die Lösung? Klein anfangen. Lächerlich klein.
Nicht: „Ich starte jetzt ein Marathon-Training.“
Sondern: „Ich ziehe meine Laufschuhe an und gehe fünf Minuten vor die Tür.“
Denn das Gehirn verändert sich nicht über Nacht, aber mit jedem Schritt ein bisschen mehr.
Mit jeder Bewegung lernt es, Reize besser zu verarbeiten, sich selbst zu regulieren, den eigenen Rhythmus zu finden.
Es geht nicht um Perfektion.
Es geht um Fortschritt, Balance und das leichtere Gefühl im Kopf. Schritt für Schritt.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zur individuellen Behandlung sprechen Sie mit Ärzt:innen oder Therapeut:innen.
Quellen:
Singh, B., Olds, T., Curtis, R., et al. (2023). Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: an overview of systematic reviews. British Journal of Sports Medicine, 57(19), 1203–1209. doi:10.1136/bjsports-2022-106195.
Singh, B., Bennett, H., Miatke, A., et al. (2025). Effectiveness of exercise for improving cognition, memory and executive function: a systematic umbrella review and meta-meta-analysis. British Journal of Sports Medicine. doi:10.1136/bjsports-2024-108589
Hinweis: Einige der beschriebenen neurobiologischen und sensorischen Mechanismen bei AuDHS basieren auf ergänzender Forschung und Erfahrung, nicht ausschließlich auf den Singh-Studien. Die genannten Studien liefern jedoch konsistente Hinweise darauf, dass Bewegung die Selbstregulation und neuronale Balance fördern kann.



Kommentare