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Vier Tage mit zehn Mädchen, die mir zeigten, warum wir dringend über Körper, Zyklus und Sport sprechen müssen

Collage diverser Bilder passend zu Leichtathletik

Wir sitzen gerade in der Sporthalle und sind noch mitten in der Vorstellungsrunde. Ein Mädchen stellt sich vor und dabei fällt folgender Satz:


"Ich muss eigentlich eine Diät machen. Und mehr Sport"

Ich halte inne. „Warum? Woran machst du das fest?"

"Meine Oberschenkel berühren sich immer beim Laufen."


Für einen Moment sitze ich nur da. Sie ist zehn. Sie hat einen ganz normalen Körperbau. Ihre Oberschenkel berühren sich, weil sie funktionale, gesunde Beine hat, die sie tragen und beim Sport kraftvoll abstoßen lassen. Aber in ihrem Kopf ist das bereits ein Defizit. Ein Problem. Etwas, das "korrigiert" werden muss.


In diesem Moment wird mir klar, dass diese vier Tage wichtiger werden, als ich dachte.


Warum überhaupt eine Ferienbetreuung zu Pubertät und Sport?


Einige Studien sprechen von bis zu 60% der Mädchen, die während der Pubertät aus dem Sport aussteigen. Jungen bleiben meistens sportlich aktiv, während Mädchen einfach aus den Vereinen und Sportplätzen verschwinden. Der Dropout beginnt oft schon mit 10, 11, 12 Jahren, genau in dem Alter, in dem die Körper sich verändern und die Unsicherheit wächst.


Die Gründe dafür sind ein vielfältig: viele Mädchen verlieren den Spaß oder der (Leistungs-) Druck wird zu groß. Dazu kommen die typischen pubertären Veränderungen, die Verunsichern. Mit fehlender Aufklärung der Mädchen selbst, aber auch der Trainer:innen. Und dann, ein Punkt den wir nicht vergessen dürfen: Periodenarmut. Rationierte Hygieneprodukte, kein Geld für einen passenden Sport-BH usw.  


Genau deshalb hatte ich diese Ferienbetreuung konzipiert: Vier Tage lang sollten die Mädchen morgens Leichtathletik machen: laufen, springen, werfen, ihren Körper erleben und neues entdecken. Nachmittags sollten sie verstehen lernen, was in ihren Körpern eigentlich passiert. Keine trockene Biologie-Stunde, sondern echtes Wissen, das sie im Sport und im Leben brauchen können.


Vormittags Sport, nachmittags Theorie


Startblöcke auf der Bahn. In der ferne Mädchen die sprinten.

Den Morgen verbrachten wir mit Leichtathletik. Spielerisches Sprinten, Springen, Werfen und neue Bewegungen ausprobieren, ohne Druck, ohne Vergleich. Was mir aufgefallen ist: wie sehr die Mädchen sich gegenseitig unterstützt haben.  "Du schaffst das!“, wenn ein Mädchen sich etwas nicht getraut hat, anstatt ungeduldiges Nörgeln oder auslachen. Das hat die Gruppe stark gemacht.

An einem Vormittag war „Entspannung“ das Thema. Die Progressive Muskelrelaxation und eine Traumreise waren für viele sehr wertvoll, anderen ist diese bewusste Entspannung schwer gefallen. 

Daher gab es auch noch meine „Empowerment-Karten“. Sie verbinden Entspannung, Empowerment und Bewegung. Auch das war natürlich ungewohnt, aber die Karten kamen sehr gut an. 


Nach dem Mittagessen kam dann die Theorie und hier stand ich vor der Herausforderung: Wie halte ich 10- bis 14-jährige Mädchen bei Themen wie Menstruationszyklus und Hormone bei der Stange, ohne dass sie innerlich abschalten? Meine Lösung war einfach: Niemand musste stillsitzen. Es lagen Ausmalbilder, Stifte, Scheren, Zeitschriften und Bastelmaterial für eine Collage „Stark. Echt. Ich“ bereit. Wer zuhören wollte: super. Wer nebenbei malen oder schnipseln musste, um sich konzentrieren zu können: genauso super.


Ich arbeite viel mit neurodivergenten Menschen und weiß: Der "Fidget-friendly"-Ansatz funktioniert nicht nur für die, die offiziell eine Diagnose haben. Er funktioniert für alle. Die Hände beschäftigt, die Ohren offen. So blieben wir vier Nachmittage lang im Gespräch. 


Tag 1: Die großen Fragen


Am ersten Nachmittag begannen wir mit den grundlegenden Fragen: Warum ist Sport so wichtig? Warum hören so viele Mädchen mit Sport auf? Was verändert sich in der Pubertät? Und was haben diese Gender Gaps eigentlich mit uns zu tun? Die Stimmung war neugierig, aber vorsichtig. Während ich über die körperlichen Veränderungen sprach, Wachstumsschübe, Hormone, Brustentwicklung, erste Periode, saßen einige schon an ihren Collagen und schnitten Bilder aus Zeitschriften.


Tag 2: Als es still wurde


Der zweite Tag begann mit viel Bewegung und Spaß. Nachmittags wurde es ernst und ich merkte es sofort an der Stimmung: gedrückt, angespannt. Wir sprachen über den Menstruationszyklus und was dabei im Körper passiert. Wie sich das auf Energie und Stimmung auswirken kann. Über PMS, über PMDS, über Endometriose. Was ist "normal", und wann ist es das nicht mehr?


Ein Mädchen öffnete sich. Sie erzählte wie es ihr geht. Und dass sie dachte, das wäre normal. Aber schnell war klar, dass hier mehr dahinter steckt und so haben wir am folgenden Tag nochmal unter vier Augen gesprochen, was sie tun kann,  dass sie nicht alleine ist und dass sie da auch nicht alleine durch muss.


"Warum lernen wir das nicht in der Schule?", fragte ein Mädchen plötzlich. Gute Frage. Verdammt gute Frage. 


Kleines Täschen davor diverse Hygieneprodukte
(Werbung, da Marken erkennbar.)

Die Stimmung war danach schwer, und ich wusste: Wir brauchen jetzt etwas Praktisches, etwas Greifbares. Also holte ich meine Box heraus. Voll mit Binden, Tampons, Menstruationstassen, Periodenunterwäsche, Stoffbinden, Menstruationsscheiben und mehr von den verschiedensten Herstellern. Die Mädchen durften alles in die Hand nehmen, vergleichen, Fragen stellen.


Jede bekam von mir noch ein kleines Täschchen mit einer Auswahl an Produkten zum Ausprobieren, für den Notfall. Die Stimmung lockerte sich und die Mädchen schauten sich neugierig die verschiedenen Produkte an. 



Tag 3: Brüste & Sport-BHs


Am dritten Vormittag hatten so langsam alle Muskelkater, aber motiviert waren trotzdem alle noch.

Nachmittags dann das Thema, über das viele nicht sprechen: Brustentwicklung in der Pubertät, warum ein Sport-BH wichtig ist, und wie man die richtige Größe findet. Viele Mädchen tragen viel zu kleine BHs, weil niemand ihnen zeigt, wie man misst, oder weil das Thema peinlich ist. Und auch hier gab es verschiedene Modelle zum anfassen.

Die Mädchen hatten jederzeit die Möglichkeit ihre Fragen anonym in eine Box zu werfen, oder mir direkt Fragen zu stellen. An diesem Nachmittag sprachen wir auch noch über alle offenen Fragen.


Tag 4: Die Collagen und was mir fast die Tränen in die Augen trieb


Der letzte Vormittag war ganz entspannt und wir haben viel gespielt. Nachmittags durften die Mädchen ihre Collagen fertigstellen, und wer wollte, präsentierte sie der Gruppe. 


Mädchen basteln an ihren Collagen. Überall Schnipsel am Boden.

Was mich hier wirklich getroffen hat, waren die Collagen selbst. Fast jede enthielt diesen einen Satz: "Ich darf essen.“. Oder eine Variante davon.


Ich hatte jeden Tag mehrfach betont, dass Hormone Energie brauchen, Muskeln Energie brauchen, dass ein Zyklus nur funktioniert, wenn der Körper genug bekommt. Aber dass diese Botschaft SO zentral wurde, dass 10- bis 14-jährige Mädchen das als Kernsatz mitnehmen, das hat mich erschreckt und gleichzeitig unglaublich bewegt. Wie viele Botschaften hören diese Mädchen täglich, die das genaue Gegenteil sagen? Und wie schlimm ist es, dass sie die Erlaubnis zu essen brauchen?


Die Abschlussrunde zeigte nochmal, was für ein gutes Team die Gruppe war und auch, dass wie wichtig das Thema war bzw. ist. 


Nachdem ich die Mädchen verabschiedet hatte, wartete ich noch ungeduldig vor der Umkleide, bis die letzte auch abgeholt ist. Und weil es so lange dauerte, schaute ich nach einigen Minuten kurz in die Umkleide. Und was ich da sah, hat mich so sehr berührt: Einige Mädchen saßen da mit Tränen in den Augen. Weil die 4 Tage vorbei sind. Und sie sich nicht mehr wieder sehen. 

Denn einige haben sich in dieser Woche das erste Mal als Teil einer Gruppe gefühlt. Sie haben sich so akzeptiert gefühlt, wie sie waren. 


Was ich gelernt habe und was Trainer und Eltern wissen sollten


Diese vier Tage haben mich vieles gelehrt, und einiges davon möchte ich weitergeben, weil ich glaube, dass es auch für andere wichtig ist.


Erstens: Mädchen wollen über diese Themen sprechen. Sie wollen es so sehr. Aber der Raum muss sicher sein. Kein Urteil, keine "dummen Fragen", kein Belächeln. Für Trainer bedeutet das: Ihr müsst keine Experten sein, aber ihr müsst signalisieren, dass das Thema bei euch Platz hat. Und manchmal reicht es schon, immer offen ein paar Hygieneprodukte in der Tasche zu haben, um zu signalisieren „Das ist normal. Ich darf hier darüber sprechen“.


Zweitens: Die Ausmalbilder, die Collagen, das war keine Nebenbeschäftigung, das war der Grund, warum alle vier Tage durchhielten. Viele Mädchen können nicht zwei Stunden stillsitzen und zuhören, und das müssen sie auch nicht. Solange die Hände beschäftigt sind, können die Ohren aufnehmen. Auch wenn viele das anders sehen. 


Drittens: Periodenprodukte zum Anfassen schlagen hundert PowerPoint-Folien. Ich hätte stundenlang wissenschaftlich referieren können. Stattdessen: "Hier, fass an, wie fühlt sich das an?" Das bleibt hängen.


Und viertens: Die Eltern sind oft genauso unsicher wie die Mädchen. Viele Eltern wollen mit ihren Töchtern reden, wissen aber nicht wie, haben Angst, etwas falsch zu machen, oder hatten selbst nie diese Gespräche. Als Trainerin kann ich eine Brücke sein, nicht als Ersatz für die Eltern, sondern als zusätzliche, sichere Stimme.


Für alle, die selbst etwas umsetzen wollen


Man muss keine viertägige Ferienbetreuung machen, um Räume zu schaffen. Trainer könnten z.B. einmal im Quartal einen "Mädchen-Talk" nach dem Training anbieten. 30 Minuten, offene Fragerunde, ein Thema des Monats. Oder einfach Periodenprodukte in der Umkleide hinstellen: Tampons, Binden. Ein Signal, dass das normal ist, dass das dazugehört. 


Eltern können anfangen zu reden, auch wenn es unangenehm ist. Ein einfaches „In deinem Alter verändert sich viel am Körper. Ich weiß noch wie das damals bei mir war. Das war keine einfache Zeit. Hast du Fragen dazu?" kann der Anfang sein. Periodenprodukte sichtbar machen, nicht verstecken, nicht als Geheimnis behandeln. Eine Auswahl hinlegen, erklären, was es gibt, das Kind entscheiden lassen.


Und alle, Trainer wie Eltern, sollten auf Warnsignale achten: starke Schmerzen während der Periode, extreme Stimmungsschwankungen, Ausbleiben der Periode für mehr als 3 Monate, keine Periode bis 16, plötzliche Gewichtsabnahme oder Diät-Talk. Das können Alarmsignale sein, die professionelle Hilfe benötigen.


Was bleibt - 4 Wochen später


Es ist jetzt vier Wochen her. Ich habe die Mädchen seither nicht mehr gesehen. Aber das Gefühl, etwas bewirkt zu haben bleibt. 

Ich habe einen Raum geschaffen, in dem Mädchen lernen dürfen, dass ihr Körper nicht das Problem ist. Dass die Pubertät nicht das Ende ihrer sportlichen Karriere bedeutet. Dass sie Fragen stellen dürfen, Raum einnehmen dürfen, essen dürfen, sein dürfen.


Weil Mädchen nicht aus dem Sport verschwinden sollten, nur weil niemand mit ihnen über ihren Körper redet.



Aus diesen Erfahrungen heraus entwickle ich Workshops und Fortbildungen für Vereine, Schulen und Sportgruppen. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, schreibe mir gerne: info@laufdivergent.de 

 
 
 

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